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art Magazin: Radar

von Evelyn Pschak
Mai 2010


Es ist schwierig, im Frühling über Angelika J. Trojnarski zu
schreiben. Ihre Malerei kündet von zersetzenden Kräften,
vom Pittoresken der Trümmer und beschwört die erodierte
Würde alles Zeitlichen so untrüglich, dass man jungen Knospen
das Wachsen nicht mehr glaubt. Überhaupt ist zartgrün auf der
Palette der 31-jährigen Künstlerin nicht existent.
Dennoch obliegt mir die schöne Aufgabe, just im Wonnemonat
über sie zu berichten, habe ich diese Schülerin von Markus
Lüpertz und Herbert Brandl doch in eine Ausstellung mit hinein-
jurieren dürfen, die im Mai beginnt und Münchner wie Düsseldorfer
Akademiestudenten zu einem so komparatistischen wie hoffentlich
befruchtenden Gegenüber vereint.

Alles atmet Vergangenheit

"Ich male keine Menschen sondern deren Überreste", resümiert Angelika Trojnarski ihre Vanitas-Motivik. Die findet sie in Geisterstädten, wie der ehemaligen Goldgräbersiedlung Bodie
östlich von San Francisco, im September 2009 von der Künstlerin
besucht, aber auch auf den verwahrlosten Rummelplätzen ihrer
Serie "Skeleton Park": Der Spreepark im berlinischen Plänterwald,
dessen Betreiber ins Kreuzfeuer der peruanischen Drogenmafia
geriet oder der 1986 nur fast eingeweihte Vergnügungspark in
der Ukraine, dem die Tschernobyl-Katastrophe zuvorkam.
Da steht noch ein verwittertes Karussell, das sich nicht nur unter
Rost auflöst, sondern auch im seltsam suspendierten Zustand
des Malerischen befindet. Als sei das Bild selbst schon so
verrottend wie sein Sujet. Auch die klapprigen Windräder des
Spreeparks künden von der Fähigkeit der Künstlerin, brüchige
Konstrukte detailgetreu nachzuziehen – und gleichzeitig aufzulösen, entsprechend der vagen Genauigkeit eines Traums.


Texts in English





Die tristen Holzhütten Bodies sind heimgesucht von irrlichternden
Farbwirbeln in Beige- und Blautönen. Auch hier gelingt Trojnarski
die Überwindung der Gegensätze von luftig zitternder Haltlosigkeit
der in sich stürzenden Bauelemente und tonaler, farbgetränkter
Erdenschwere. Noch aus den übereinanderliegenden Farbschichten
drängt Erinnerung, platzt aus dem Putz der gemalten Gebäude,
aus den frei gelassenen Stellen der Leinwand. Durch permeable
Löchrigkeit atmet alles Vergangenheit. Und die beweist uns ihr
Kontinuum noch im Verfall.

"Die Schönheit im Imperfekten"

Wer Angelika Trojnarskis Atelier in der Düsseldorfer Kunstakademie
besucht, entdeckt neben den Ölbildern auch kleine, gebastelte
Modellhütten aus Holzpellets, die sich in den Geisterstädten
wiederfinden. Die Dächerritzen geben den Blick nach innen frei,
das gebrauchte Holz, auf der Düsseldorfer Halde hydraulisch
gepresst, zeigt noch Spuren verwitterter Farbe, blau oder gräulich.
Das kommt der Künstlerin sehr entgegen: "Ich bin kein Fan von lauten
Farben, meine Palette ist immer mit Grau abgemischt." Dennoch
wirken ihre Bilder nie stumpf oder fahl. Licht flackert durch die Ritzen,
erhellt die Architekturen und Artefakte – oder das, was noch davon
übrig ist – bricht sich wie durch Wolken und verleiht den aus opaker
Dichte tretenden Strukturen silbrigen Schein. "Ich mag keine glatten
Flächen, sondern die Schönheit im Imperfekten". erläutert die
Künstlerin dezidiert. Mühelos gelingt ihr die Überhöhung des Kaputten,
des Morschen und Vergessenen. Und entwickelt aus ihnen eine so
bizarre Schönheit, dass man darüber fast den Frühling vergessen
könnte.

'Nach dem Goldrausch'

von Kinsey/DesForges Gallery
Los Angeles
September 2009


Zerfall und Vernachlässigung in all ihren Formen sind die
Protagonisten des Schaffens Trojnarskis: sich zersetzende
Behausungen und verwaiste Vergnügungsparks, verrostete
Schiffskadaver und rachitische Gebäude einer Zivilisation,
die verzweifelt den eigenen Zustand und das eigene Schicksal
leugnet. Sich konzentrierend auf die architektonischen Überreste
und industriellen Exzesse ökonomischen Versagens, untersucht
Trojnarski, wie die wahre menschliche Stärke durch Gier und
Kurzsichtigkeit einiger weniger in den Schatten gestellt wird,
und die Betroffenen, sich an ihre Vergangenheit klammernd,
fragen, was bloß schief gelaufen ist.

Innerhalb ihrer Erkundungen schafft Trojnarski eine Art
Baudelairescher Schönheit: gebrochene Flächen drängen aus
der Mitte, getragen von unbeugsamen Gerüsten und soliden
Fundamenten, allesamt brillant beleuchtet von einer Flut
strahlenden Lichts.
Texts in English





Ein heroischer Optimismus bewegt die offensichtlichen Trümmer -
ein gewaltiges Potential aus Wandel und neuerlichem Wachstum
veranschaulichend. Sie erklärt: "Diese Ausstellung ist eine Dicho-
tomie aus Anziehung und Abstoßung, Versuchung und Erlösung".

Diese "verführerischen Stillleben der Zerstörung" - gefangen in der
erstarrten Bewegung gleich einer verwahrlosten Baustelle - sind
gespenstisches Zeugnis der Verletzungen innerhalb unseres
kollektiven Gedächtnisses.

Wie Skelette ihrer selbst scheinen die Bilder einen unwiderruflichen
Verlust zu beklagen, während sie implizit danach rufen, alle
Anstrenung zu unternehmen, nach Vorne zu sehen und das
gebrochene Rückgrat des sozialen Gewissens zu erneuern.

'Weißer Elefant'

von Prof. Dr. Guido Reuter
Kunstakademie Düsseldorf
Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte
Januar 2009


Das Bild „Weißer Elefant“ zeigt ein Schiff, dessen Rumpf
und weitere Aufbauten, von einer Fahne bekrönt, aus der Faktur
des Gemäldes in skeletthafter Form heraustreten.
Diese Trümmer sind von vertikal und diagonal verlau-
fenden Pfählen gehalten, die durch ihre unsystematische,
geradezu chaotische Anordnung klägliche Festigkeit
demonstrieren. Das gesamte Gebilde des gestrandeten
Schiffes - samt den es an Land nur unzureichend
stützenden Pfählen - zeugt vom unentrinnbaren Prozess
des Verfalls und Niedergangs.

Welche Bedeutung hat der Titel „Weißer Elefant“ in Bezug
auf das im Gemälde Sichtbare, da hier augenscheinlich
nichts an einen Elefanten - zumal einen weißen - erinnert?
In Thailand sind weiße Elefanten bis heute heilige Tiere,
Symbole von Macht, dürfen nicht zur Arbeit herangezogen
werden und benötigen sehr viel Pflege. Sie stellen daher
eine hohe finanzielle Last für ihre Besitzer dar.
Früher wurden weiße Elefanten sogar an die Feinde des
Königs verschenkt, um diese in schwere finanzielle
Einbußen oder gar finanziellen Ruin zu treiben.

Hierauf spielt die im englischen Sprachraum existente
Redewendung des „white elephant“ an, die einen wert-
vollen Besitz, der jedoch keinen Nutzen bringt, der mehr
Arbeit verursacht als er wert ist und der lästig fällt,
charakterisiert.
Das Idiom des „Weißen Elefanten“ existiert darüber hinaus
in der Entwicklungspolitik. Hier werden Objekte „Weiße
Elefanten“ genannt, die viel kosten, soziale
und ökologische Schäden anrichten und geringen Vorteil
bringen (beispielsweise umstrittene Staudammprojekte).

Wie das Gemälde „Weißer Elefant“, so thematisieren auch
alle anderen Bilder Trojnarskis durch gestrandete, zer-
borstene, unbrauchbare, im Zerfall befindliche Objekte das
Scheitern des Menschen in sinnbildhafter Weise. Trotz
technischer Prothesen kann der Verfall nicht gestoppt
werden.

Was für den einen Fortschritt bedeutet, kann für den
anderen zur tödlichen Gefahr werden. Der Kunsthistoriker
Thomas W. Kuhn wies mit großem Recht darauf hin, dass
sich die Bilder Angelika J. Trojnarskis auf die Tradition des








memento mori (des Eingedenkens der eigenen Sterb-
lichkeit) und der Vanitas-Thematik (der Darstellung
des Vergänglichen) beziehen.

Was erzeugt aber, dass sich der Betrachter nicht sofort von
den zerstörten Objekten, die schrecklich und teilweise auch
hässlich sind, abwendet?
Was ist es, das im Gegenteil einen Sog produziert, der den
Betrachter immer wieder und intensiv auf die Bilder blicken
lässt?

Dieses Etwas scheint mir das zu sein, das der franzö-
sische Philosoph, Kunsttheoretiker und Autor Denis Diderot
in der Mitte des 18. Jahrhunderts erstmals in der
Geschichte der Kunst anhand des Gemäldes „Der Rochen“
von Jean-Baptiste Siméon Chardin beschrieben hat: Es sei
die „Peinture“, die besondere Malweise, die malerische
Fertigkeit Chardins, die dazu führe, dass der hässliche
und grässliche Gegenstand des Rochen auf eine unerklärliche,
ja geradezu magische Weise schön und betrachtenswert
werde. Die „Peinture“ Chardins bewirke, dass dieses
Objekt in das Gewebe der Malerei so eingesponnen sei,
dass der Betrachter nicht mehr angewidert davor
zurückschrecke, sondern fasziniert hinschaue.
Eine derartige Qualität besitzen auf ihre individuelle Art und
Weise auch die Gemälde Angelika J. Trojnarskis.
Die überaus souverän dargebotene Malweise, der
vielfältige Umgang mit der Materialität der Farbe, die
erzeugten Farbklänge oder -Stimmungen bewirken in
Trojnarskis Bildern das Zustandekommen eines
farbstrukturellen Gewebes, in das die Gegenstände derart
eingesponnen sind, dass der Betrachter dank der Malerei
nicht Reißaus nimmt, sondern sich den Motiven immer
wieder aussetzen will.

Die Bildoberflächen zeigen zugleich mit der Freilegung der
prozessualen Erzeugung ‘Risse’ und ‘Wunden’, die durch
die kraftvolle Malweise und das verschiedenartige Ein-
wirken auf die Farbmaterialität zustande kommen.
Hierdurch arbeitet die Künstlerin dem Charakter ihrer
Gegenstände malerisch zu, was nicht zuletzt ganz
wesentlich dazu beiträgt, dass die Gemälde zu in sich
abgeschlossenen, vollendeten Werken werden.