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'Viele Realitäten' von Thomas Hirsch
Biograph
September 2011 In ihrer Ausstellung in der Berliner Galerie Tanja Wagner zeigte Angelika Trojnarski auch das Bild „Weiß (Wolpertinger)“. „Weiß“ gehört zu einer Folge von vier Gemälden, die sich – auf einer Metaebene – auf die Vier Apokalyptischen Reiter beziehen und eine komplexe Verschränkung historischer und zeitgenössischer Verweise initiieren. Aber jedes Bild ist für sich autonom und bleibt zunächst der Erfahrung unserer Zivilisation verbunden. Immer befindet sich im Zentrum der Darstellung eine architektonische Konstruktion; die Umgebung ist nur wenig besetzt. Bei „Weiß“ ragt eine Art Turm mit einer Treppe auf, seitlich begrenzt von Wellblech, ein Fahrzeugdach bildet den Abschluss. Die Versatzstücke sind uns aus der baulichen und technischen Welt vertraut; hier wirken sie verwittert und porös. Die Malerei selbst ist in breiten Bahnen teils unter abruptem Absetzen vorgetragen. Klebebandreste sind auf der Leinwand belassen, partiell fließen Farbnasen, frühere Schichten schauen durch, die Farben sind wie ausgewaschen; bunt sind die Bilder von Angelika Trojnarski nie. Die Geschwindigkeit des Vortrags mit dem Sog in die Bildtiefe steigert noch die prekäre Wahrnehmung zwischen Annäherung und Distanz. Angelika Trojnarski kommt in ihrer so präzisen und spontanen Malerei häufig auf Motive zurück, die mit Mobilität und Architektur zu tun haben und nun, als Fragmente aus unterschiedlichen Zeiten zusammengetragen, zwischen Dysfunktionalität und neuer Zweckmäßigkeit auftreten; ihren Darstellungen liegen oft Schiffe der zivilen und der kriegerischen Nutzung, Automobile und Zeppeline zugrunde. Mitunter sind die Gerüste wie Gerippe freigelegt, ein Wind scheint durch sie hindurch zu fegen. Im Status der Verlassenheit sind die Hinweise auf den Menschen und seine Errungenschaften evident. Im Atelier zeigt Angelika Trojnarski Aufnahmen von Bildern, die sie vor einigen Jahren gemalt hat und in denen Menschen vorkommen. Jedoch ist das Gesicht verhüllt oder abgewendet oder überhaupt ist die Figur in der Rückenansicht gegeben. |
Texts in English Auch da erweist sich die körperliche Präsenz als bestimmendes Phänomen im Bildraum. Um so mehr ist konsequent, dass seit einigen Jahren auch skulpturale Werke entstehen. Trojnarski schichtet und verschränkt Hölzer, die direkt von aufgelassenen Gebäuden genommen sein könnten und nun selbst als architektonische Modelle auftreten. Aber auch in der Anmutung des Provisorischen zwischen Abnahme und Aufbau sind diese Skulpturen den Malereien verwandt. Ein weiteres Medium ist die Fotografie. Eine aktuelle Serie ist derzeit bei der Bergischen Kunstausstellung in Solingen ausgestellt. Diese Fotografien nun sind nüchtern und karg. Sie zeigen einen homogen weißen, fast klinischen Raumausschnitt in völliger Ereignislosigkeit. Nur dort, wo die Raumkanten aufeinander stoßen, zeigen sich subtil Spuren von Nutzung: Die Raumsituationen schildern damit einen Zustand zwischen den Stadien ihrer Anwendung. An der Düsseldorfer Akademie studiert sie bei Immendorff, Brandl und seit 2010 bei Andreas Gursky. Wie sehr in ihrer Arbeit Vergänglichkeit und Konstruktion mit Natur verknüpft ist, führte sie 2009 in ihrer Ausstellung „Scheiternhaufen“ bei Anna Klinkhammer vor Augen. Dort befand sich mitten im Raum eine Art Käfig aus Latten, darin war, durch eine Lampe beleuchtet und sozusagen geschützt, Bauschutt zusammengeschoben. Die Relikte der Vernichtung wiesen hier auf die Naturkatastrophe von New Orleans, ausgelöst durch einen Sturm. Angelika Trojnarskis Werke sind stets konkret, bezogen auf visuelle Erfahrungen, welche sie rekapitulieren und weiterdenken. Sie schildern „hybride Realitäten“, wie sie selbst schreibt, als „eine Inszenierung aus bestehenden Versatzstücken.“ Die bildnerischen Neukombinationen verhalten sich dabei zwischen Erinnerung und Vision, als Formulierungen gesellschaftlich konnotierter Situationen. Die Fragilität unseres Fortschritts wie auch unseres Lebens deutet sich in diesen Werken noch an. |
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'Mit diesem Schiff stirbt die Welt' von Beate Scheder
Berliner Zeitung
Juli 2011 Vertrauenerweckend sehen sie nicht aus. Nur ungern würde man sich an Bord der Fahrzeuge begeben, die Angelika J. Trojnarski malt. Irgendwie scheinen sie in sich nicht zusammenzupassen, sie wirken, als könnten sie im nächsten Moment auseinanderbrechen. Die Reifen am Fahrwerk des Flugzeugs im Bild "Fahl" sind viel zu groß, der Traktor ("Schwarz") hat Rost angesetzt, das Schiff ("Rot") wartet halb fertiggestellt auf einem windschiefen Gerüst. "Observation of Nature" heißt die Ausstellung mit Trojnarskis neuen Arbeiten in der Galerie Tanja Wagner. Doch führt der Titel ein wenig in die Irre, denn die Gemälde zeigen keine Landschaften, keine Berge, Seen oder Wälder, sondern industrielle Überreste. Öde Orte sind es, trostlos, unbewohnt, grau, aber doch von seltsamer Schönheit. Menschen sucht man vergebens. Sie haben die Bildwelten von Trojnarski schon vor Jahren verlassen. Die deutsch-polnische Künstlerin, die an der Kunstakademie Düsseldorf früher bei Jörg Immendorff und Markus Lüpertz studierte und derzeit bei Andreas Gursky in die Klasse geht, konzentriert sich seitdem auf Technik. Das bedeutet für sie jedoch nicht Fortschritt, im Gegenteil. Ihre Maschinen und Bauwerke sind marode. Sie führt uns das Scheitern der Technik vor Augen, nicht deren Triumph. Für ihre Ausstellung bei Tanja Wagner hat sich Trojnarski den vier biblischen apokalyptischen Reitern gewidmet, jenen Weltuntergangs- boten, die in der Offenbarung des Johannes das finale Unheil ankündigen. Doch anstelle von Pferden wählte die Künstlerin motorbetriebene Fahrzeuge als Motive. Der kriegsbringende schwarze Reiter erscheint als Marineschiff, den Hunger verkörpert ein Traktor, den Tod ein Kampfflugzeug. Der erste (weiße) Reiter - schon in der Bibel zwiespältig, mal als Christus, mal als Tyrann ausgelegt - schlüpft in die Rolle eines Wolpertingers. Ähnlich wie das bayerische Fabelwesen ist er zusammengesetzt wie ein Puzzle: Der Eingang gehört zu einer Holzveranda, das Hinterteil zu einem Lkw, das Dach stammt von einem alten Caravan. Die Künstlerin lässt offen, ob es sich einen Zufluchtsort handelt oder ob auch dem dritten Reiter zu misstrauen ist. Trojnarski wollte für ihre Arbeiten keine "saubere" Galerienschau mit perfekter Hängung. Die Ausstellung verlängert die Themen der Gemälde installativ in den Raum hinein. Holz ist ihr Material, das offenbart sich nicht nur in ihrer Malerei, |
in den skelettartigen Gerüsten, von denen ihre Wasser-, Land- und Luftgefährte gestützt werden: Die Gemälde ruhen an und auf Holzbalken, am Fenster lehnt eine fächerartige Skulptur aus Altholz. Es ist ein Material mit Geschichte, zersplittert, mit abblätternder Farbe, nutzbar gemacht, verschlissen und dann ausgesondert. Die apokalyptischen Reiter sind ein Thema, das nur zu perfekt mit Trojnarskis Bildsprache korrespondiert. Das Vergänglichkeitsmotiv zieht sich bereits durch frühere Arbeiten der Künstlerin. Trojnarski malt mit Vorliebe Verfallenes, Verrottendes und Verwaistes. Sie sagt, dass sie mit ihren Bildern eine Botschaft übermitteln möchte. Sie will die Betrachter auffordern, Verdrängtes aufzuarbeiten und darüber nachzudenken, wie Zerstörung, wie Krisen entstehen. Es sind nicht nur die Sujets der Bilder, auch ihre Farbpalette, die sich aus gedämpften, kühlen Farben und ein wenig Braunrot zusammensetzt, und die Art und Weise, mit der Trojnarski malt, die den Ausschlag geben. "Selbst wenn ich einen perfekten Gegenstand malen würde, allein schon durch meine Technik würde ein Bild des Verfalls hervorgerufen werden", erklärt die Malerin. Die 32-Jährige arbeitet sich in Schichten vor. Mit dynamischen, spritzenden und kratzenden Pinselstrichen, die sie nicht zu Ende führt, sondern im Vagen verlaufen lässt, bringt sie Grau-, Blau- und Brauntöne auf die Leinwand. Die Farbe wirkt brüchig, durch die Ritzen scheint Darunterliegendes hervor. So kommt es, dass trotz der Allgegenwärtigkeit des Verfalls, ein wenig Licht und Wärme hindurchstrahlt. Trojnarskis Bilder enttarnen die Verletzlichkeit der Welt und die Zerstörungskraft des Menschen. Doch sie entlassen uns nicht in einem Gefühl der Ausweglosigkeit, sondern mit einem Schimmer der Hoffnung. Foto: Ein Schiff wird kommen, sang Nana Mouskouri gleich in vier Sprachen. Einen Seelenverkäufer wie den von Angelika J. Trojnarski hat sie damit gewiss nicht gemeint. Dieses Boot ist Vorbote einer zerstörerischen Reise ins Ungewisse, ein Menetekel unserer krisen- geschüttelten Zeit. |
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Es ist schwierig, im Frühling über Angelika J. Trojnarski zu schreiben. Ihre Malerei kündet von zersetzenden Kräften, vom Pittoresken der Trümmer und beschwört die erodierte Würde alles Zeitlichen so untrüglich, dass man jungen Knospen das Wachsen nicht mehr glaubt. Überhaupt ist zartgrün auf der Palette der 31-jährigen Künstlerin nicht existent. Alles atmet Vergangenheit "Ich male keine Menschen sondern deren Überreste", resümiert Angelika Trojnarski ihre Vanitas-Motivik. Die findet sie in Geisterstädten, wie der ehemaligen Goldgräbersiedlung Bodie östlich von San Francisco, im September 2009 von der Künstlerin besucht, aber auch auf den verwahrlosten Rummelplätzen ihrer Serie "Skeleton Park": Der Spreepark im berlinischen Plänterwald, dessen Betreiber ins Kreuzfeuer der peruanischen Drogenmafia geriet oder der 1986 nur fast eingeweihte Vergnügungspark in der Ukraine, dem die Tschernobyl-Katastrophe zuvorkam. Da steht noch ein verwittertes Karussell, das sich nicht nur unter Rost auflöst, sondern auch im seltsam suspendierten Zustand des Malerischen befindet. Als sei das Bild selbst schon so verrottend wie sein Sujet. Auch die klapprigen Windräder des Spreeparks künden von der Fähigkeit der Künstlerin, brüchige Konstrukte detailgetreu nachzuziehen – und gleichzeitig aufzulösen, entsprechend der vagen Genauigkeit eines Traums. Die tristen Holzhütten Bodies sind heimgesucht von irrlichternden Farbwirbeln in Beige- und Blautönen. Auch hier gelingt Trojnarski |
die Überwindung der Gegensätze von luftig zitternder Haltlosigkeit der in sich stürzenden Bauelemente und tonaler, farbgetränkter Erdenschwere. Noch aus den übereinanderliegenden Farbschichten drängt Erinnerung, platzt aus dem Putz der gemalten Gebäude, aus den frei gelassenen Stellen der Leinwand. Durch permeable Löchrigkeit atmet alles Vergangenheit. Und die beweist uns ihr Kontinuum noch im Verfall. "Die Schönheit im Imperfekten" Wer Angelika Trojnarskis Atelier in der Düsseldorfer Kunstakademie besucht, entdeckt neben den Ölbildern auch kleine, gebaute Modellhütten aus Holzpellets, die sich in den Geisterstädten wiederfinden. Die Dächerritzen geben den Blick nach innen frei, das gebrauchte Holz, auf der Düsseldorfer Halde hydraulisch gepresst, zeigt noch Spuren verwitterter Farbe, blau oder gräulich. Das kommt der Künstlerin sehr entgegen: "Ich bin kein Fan von lauten Farben, meine Palette ist immer mit Grau abgemischt." Dennoch wirken ihre Bilder nie stumpf oder fahl. Licht flackert durch die Ritzen, erhellt die Architekturen und Artefakte – oder das, was noch davon übrig ist – bricht sich wie durch Wolken und verleiht den aus opaker Dichte tretenden Strukturen silbrigen Schein. "Ich mag keine glatten Flächen, sondern die Schönheit im Imperfekten". erläutert die Künstlerin dezidiert. Mühelos gelingt ihr die Überhöhung des Kaputten, des Morschen und Vergessenen. Und entwickelt aus ihnen eine so bizarre Schönheit, dass man darüber fast den Frühling vergessen könnte. |